HANNOVERSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG – Minimalismus: Wie Jasmin Mittag aus Hannover seit Monaten ohne eigene Wohnung lebt

Ortsunabhängig sein, ohne feste Wohnung, reisen und von überall aus arbeiten: Jasmin Mittag, Minimalistin aus Hannover, lebt seit Monaten als digitale Nomadin. Jetzt kommt sie für einen Kurzbesuch aus Bali nach Hannover zurück.

“Es ist ein bisschen kalt hier, in jeder Hinsicht“. Die hannoversche Aktivistin und Minimalistin Jasmin Mittag sitzt an diesem Tag draußen an einem Tisch im Cafe „Lieb.es“ in der Nordstadt – und wartet. Es ist einer dieser Tage, an dem sich das Wetter nicht entscheiden kann, was es will. Manchmal blitzt die Sonne auf und es ist warm. Dann wieder regnet es und ein kalter Wind lässt einen frösteln.

Jasmin Mittag friert nicht nur am Körper, da helfen ein Schal und Socken, die sie im Lauf des Gesprächs aus ihrer Tasche herausholt und anzieht. Sie vermisst auch die aus ihrer Sicht so um ein Vielfaches warmherzigere Art der Menschen in Südostasien, genauer auf der indonesischen Insel Bali. Mehrere Monate hat sie dort zuletzt verbracht, nur kurz stoppt sie jetzt in Hannover. Dann geht es weiter auf Veranstaltungsreise durch Deutschland: Duisburg, Minden, Wolfenbüttel.

„Wir brauchen kein Büro mehr um uns herum“

Das Besondere ist: Mittag, deren Leben schon lange darauf ausgerichtet war, so wenig wie möglich zu besitzen, hat einen weiteren radikalen Schritt gewagt. Sie hat ihre Wohnung in Hannover aufgegeben – und nirgendwo eine neue bezogen. Sie reist umher, lediglich mit zwei Rucksäcken mit insgesamt 111 Sachen: Sie will inmitten der Pandemie mindestens ein Jahr lang das Leben als digitale Nomadin ausprobieren. Und nicht nur das: Die Reise von Ort zu Ort will sie dazu nutzen, verschiedene Wohnformen kennenzulernen. Vom Leben in einem Tiny House, das auch in Hannover gerade angesagt ist, über das sogenannte Co-Living und Co-Working bis hin zum Leben in einem Schweigekloster ist alles drin. Warum macht sie das?

„Wir erleben doch gerade, wie rasant die Digitalisierung voran schreitet. Wir brauchen kein Büro mehr um uns herum. Wir können uns im Co-Working Arbeitsplätze teilen“, sagt Jasmin Mittag. „Neue Formen auszuprobieren finde ich auch als Aktivistin, als Künstlerin interessant“. Mittag verdient schon länger freiberuflich ihr Geld, als Künstlerin, Projektleiterin, Aktivistin. In Hannover hat sie Projekte wie „The one thing“ organisiert: Die Idee: Überall auf der Welt nennen ihr Menschen ihren wichtigsten Gegenstand, die eine Sache, ohne die sie nicht leben können. Mittag fotografiert sie, stellt sie mitsamt Gegenstand aus. In Hannover hat sie mit diesem Projekt im Neuen Rathaus 2020 eine Ausstellung gehabt.

 

Jedes Teil in ihrer Wohnung nimmt sie noch einmal in die Hand

Warum hat die 42-Jährige zuletzt auch ihre Wohnung als Ballast empfunden? „Es ging darum Verbindlichkeiten loszuwerden und die Wohnung war die letzte Verbindlichkeit“, sagt die Frau mit dem markanten blonden Pagenkopf. Nach der Kündigung sei sie zunächst unsicher gewesen, ob sie es innerhalb der Kündigungsfrist überhaupt schaffen würde, alle ihre Sachen loszuwerden. Schließlich wollte sie nachhaltig mit ihrem Besitz umgehen und Brauchbares verkaufen oder verschenken und nicht „alles in die Tonne treten“. Jedes Teil in ihrer Wohnung habe sie noch einmal in die Hand genommen: „vom Anspitzer bis zum Lieblingsbuch“. Erst bei der Schlüsselübergabe am 31. März 2021 seien all die tausend Überlegungen zu all ihren Dingen endlich von ihr abgefallen: „Das war der schönste Moment“.

Mit diesem Gepäck reist Jasmin Mittag als digitale Nomadin

Was hat sie als Gepäck mit auf die Reise genommen? Jeweils verschiedene Sachen, sagt Mittag. Eine Jeans, eine Mütze und Handschuhe habe sie beispielsweise nicht im warmen Ausland gebraucht, dafür aber Kleider und noch mehr Kleider, einen mobilen Wifi-Router, Earplugs und Sonnencreme. Ihren Wintermantel habe sie für alle Fälle in Hannover eingelagert.

„Es geht um Achtsamkeit“

Was verspricht sie sich davon, beim Co-Living und Co-Working an einem Ort wie dem Alsenhof in Schleswig-Holstein oder auf Bali eine Zeitlang mit wildfremden Menschen zu leben? „Es geht um Begegnung, Persönlichkeitsentwicklung. Darum, dass man achtsam miteinander ist“, sagt Mittag. Sie habe sieben Jahre in ihrer Einzimmerwohnung gelebt und noch nicht einmal die Hälfte der Menschen aus ihrem Wohnhaus gekannt. Das habe sie ändern wollen.
Minimalismus stößt auf großes Interesse

Eine Trennung habe ihren Entschluss gefestigt, mal wieder etwas Neues zu wagen. Außerdem sei ihr ehrlicherweise „einfach die Decke auf den Kopf gefallen“, sagt Mittag – und lacht. Wie wichtig es ihr ist, mit Menschen in Kontakt zu sein, merkt sie, als sie nach dem Co-Living im Alsenhof ein weiteres auf Bali ausprobiert. Im Alsenhof hat sie ein eigenes Zimmer, aber auch für Gemeinschaft, Begegnung, Gespräche ist dort gesorgt. Jeder bringe sich regelmäßig mit dem ein, was er kann: Das kann Kochen sein, Handwerken, Computertechnik. Auf Bali erlebt sie einen Co-Living-Space, in dem sie mit Künstlern Projekte startet. Ihre Beschäftigung mit dem Thema Minimalismus stößt auf großes Interesse. In einem anderen wird die Gemeinschaft nicht organisiert. „Das war einfach nur ein leerer Ort“, sagt Jasmin Mittag.

Wie war die Erfahrung im Schweige-Retreat auf Bali, an einem Ort der Stille also, wo Menschen miteinander meditieren und ansonsten schweigen? „Man redet halt nicht miteinander. Digitale Geräte – Internet, Handy, Laptop – sind verboten. Lesen dagegen ist erlaubt. Mir hat das gut gefallen“, sagt die digitale Nomadin aus Hannover schlicht.

Urlaub? Von wegen

Wer angesichts traumhafter Temperaturen und südlichem Flair bei Mittags Reise nach Bali an Urlaub denkt, liegt falsch. „Ich mache keinen Urlaub“, sagt Jasmin Mittag. Sie habe in vier Monaten vielleicht fünf Strandtage gehabt. Ansonsten habe sie fast jeden Tag gearbeitet. „Ich will mich nicht beschweren, aber es ist eine Herausforderung“, sagt sie. Wenn sie beispielsweise von Bali aus in Deutschland digital einen Workshop um 19 Uhr gebe, sei es in Bali ein Uhr nachts. „Letztlich interessiert es ja niemanden, ob ich mich dabei in meiner Küche oder im Co-Working-Space aufhalte“, sagt sie. Dazu komme, dass der nächste Aufenthaltsort organisiert werden will. Man muss immer wieder etwas Neues finden. Viele digitale Nomaden blieben deshalb sechs Monate an einem Ort, manche bis zu zwei Jahren.

Was Hannover Bali voraushat

In mancher Hinsicht hat Hannover Bali, das merkt die Aktivistin deutlich, trotz allem sogar etwas voraus. Mittag liebt es, Fahrrad zu fahren. Fünf Monate lang konnte sie es nicht. Auf Bali fahren alle Motorroller berichtet sie. Ihren Aufenthalt bei Angehörigen in der Nähe von Hannover nutzt sie dazu, ihrer alten Leidenschaft zu frönen. Gleich am ersten Tag absolvierte sie 30 Kilometer, auch an diesem Tag ist sie bereits zehn Kilometer gefahren. Dennoch wird sie ihr Experiment als digitale Nomadin wohl noch eine Weile weiter vorantreiben. Die 42-Jährige will weiterziehen. Sobald es Corona zulässt, soll es möglicherweise nach Zentralamerika gehen: „Costa Rica oder Mexiko, die Gegend“, sagt sie.

15.09.2021 HAZ von Jutta Rinas

Diese 111 Dinge nahm Jasmin Mittag nach Bali mit

Windbreaker, Fleecejacke, Regenjacke, zwei Paar Halbschuhe, Turnschuhe, Sandalen, Rock, Shorts, zwei Blusen, T-Shirt, Langarmshirt, zwei Tops, Pullover, zwei lange Kleider, drei halblange Kleider, drei kurze Kleider, drei Sportshirts, Sportshorts, Leggins, zwei Bikinis, Stulpen, Sportsocken, zwei Paar Socken, Thermoleggins, warme Socken, Polster-BH, zwei Sport-BHs, sechs Unterhosen, Sonnenbrille, Schwimmbrille, Wizard, Hipbag, Wärmflasche, Taschenlampe, Handtuch, Hüttenschlafsack, Tuch, Ball, Blume, Blechdose, Trinkflasche, Föhnbürste, Zahnbürste, Zahncreme, Zahnzwischenraumstäbchen, Haarbürste, Rasierer, Haarseife, Körperseife, Nagelfeile, Nagelschere, Pinzette, Haarklammer, Ring, Sonnencreme, Gesichtstuch, Wattestäbchen, Tiger Balm, Skizzenbuch, Notizbuch, Stift, Sticker, USB-Stick, SIM-Nadel, Mobiltelefon, Visitenkarten, Laptop, Maus, externe Kamera, Mikro, Aufnahmegerät, Powerbank, mobiler Wifi-Router, Kamera, Noise Canceling Kopfhörer, Reisepass, drei Bankkarten, Führerschein, Earplugs, Schlafmaske, Portmonee, Icebat, einen Dollar, 1000 Baht, Laufuhr, Reiserucksack, Rucksack, Turnbeutel, Einkaufstasche, zwei Wäschesäckchen.

 

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